Vorab - CampKing

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Vorab

Für Unterricht
 
 

Manfred Kopp

 


Beweglichkeit ist unsere Stärke
Der Verkehrsführungsstab der US-Army, 1968 - 1989


Hinweis:
"Der Umfang des Hochtaunuskreis-Jahrbuchs 2015 ist limitiert. Deshalb erscheint mein nachfolgender Beitrag, der fünfte in der Reihe zum Erinnerungsort, hier mit dem Einverständnis der Redaktion als
Vorabdruck.
Im Jahrbuch 2016 wird er dann auch im Druck zu finden sein. M.K."


Im Zuge einer Neuordnung des US-Secret Service mit dem Ziel der Aufklärung in den Staaten des Warschauer Paktes verließ im Oktober 1968 die 513th Military Intelligence Service Group den Standort Camp King in Oberursel. 15 Jahre lang hatte die Zentrale des Geheimdienstes der US-Army hier Informanten verhört, Material gesammelt und die Ergebnisse ausgewertet. Die Erkenntnisse flossen ein in die strategischen und taktischen Planungen für mögliche Kampfeinsätze am „Eisernen Vorhang“ und dahinter.
Als in Oberursel bekannt wurde, dass statt des Geheimdienstes nun das Transportkommando hier stationiert werde, gab es lautstark vorgetragene Bedenken aus der Bevölkerung. Man fürchtete eine Ansammlung von Fahrzeugen, auch Panzern, im Gelände des Lagers und auf den Zufahrtsstraßen, Verkehrslärm und Abgase. Sowohl bei dem US-Hauptquartier wie bei der Hessischen Landesregierung in Wiesbaden wurden die Bedenken vorgetragen. Dann aber wurde bald klar, dass es hier nicht um einen zentralen Standort für Militärfahrzeuge ging, sondern um den zentralen Standort für die Verkehrsführung der US-Army in Westeuropa.
Bisher arbeitete der Stab von Frankreich aus. Da aber im Februar 1966 Staatspräsident Charles de Gaulle erklärt hatte, dass Frankreich die volle Ausübung seiner Souveränität anstrebe und die Stationierung fremder Truppen auf seinem Boden untersage, mussten alle Einheiten der US-Army das Land verlassen. Die Mitgliedschaft Frankreichs in der NATO ruhte seit 1966 und wurde erst 2009 wieder aufgenommen.
Mit Befehl 254 vom 2. Dezember 1968 wurde nach einigen Zwischenschritten die langfristige Stationierung von USATRANSCOMEUR  (= US-Army Transportation Command in Europe) im Camp King, Oberursel, angeordnet.  Dies bedeutete aber nicht nur einen Ortswechsel. Es war eine Schlüsselposition im Rahmen einer neuen Militärstrategie.

Bild 1: Aus der Sicht der USA galt es sowohl während als auch nach dem Krieg immer erst den Atlantik zu überwinden. Dies signalisiert  das blaue Band im linken, wie der Dreizack des Meeresgottes Neptun im rechten Abzeichen für das Transportkommando. Das Motto „Freedom Through Mobility“ weist auf die neue Strategie hin.

 
 


Die neue Strategie

Nach dem Korea-Krieg 1954 galt unter US-Präsident Dwight D. Eisenhower das Konzept der „massiven Vergeltung“: Jeder Angriff auf die USA und ihre Bündnispartner in der NATO  sollte umgehend mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, Nuklearwaffen eingeschlossen, erwidert werden. Erst in den Jahren nach 1960 wurde aufgrund der Aufrüstung und Modernisierung der Waffentechnik in den Staaten des Warschauer Paktes die Strategie der „Flexible Response“, der flexiblen Erwiderung,  entwickelt. Im Januar 1968 erklärten die Führungsgremien der NATO diese Strategie zum handlungsleitenden Konzept für das Bündnis. Sie galt bis zum Ende des Kalten Krieges 1990. „Sollte eine Aggression eintreten, ist das militärische Ziel, die Integrität und die Sicherheit des NATO-Gebietes zu bewahren oder wiederherzustellen.“ Dieses Ziel sollte mit konventionellen Truppen erreicht werden. Erst bei deutlicher Unterlegenheit der eigenen Truppen sollte der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen erwogen werden.
Die erneute Bedeutung konventioneller Verteidigung gab dem mit moderner Technik ausgerüsteten und leistungsfähigen Transportwesen eine herausragende Rolle. Im Strategie-Konzept heißt es dazu: “Die Boden-, See- und Luftstreitkräfte der Allianz sollen in der Lage sein zu schneller, flexibler und wirksamer Reaktion gegen die verschiedenen Formen eines begrenzten Angriffs. Um die notwendige Flexibilität sicherzustellen und den Erfordernissen einer direkten Verteidigung zu genügen, benötigen diese Streitkräfte ausreichende Mobilität, Feuerkraft, Kommunikation, Logistik und die Fähigkeit zu weiträumigen Verteidigungs- und Angriffsoperationen.“
Bereits 1967 war von den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik beschlossen worden, die Stärke der ständig stationierten Truppen in Westeuropa zu verringern. Der Hauptgrund war die Reduzierung der laufenden Kosten. Bei den jährlich stattfindenden Manövern sollten jedoch - einen möglichen Ernstfall im Blick - in kürzester Zeit wieder Truppen über den Atlantik zurückgebracht werden. Deshalb trugen die Übungen bis zum Ende 1993 die Bezeichnung REFORGER, Return of Forces to Germany, Rückführung von Streitkräften nach Deutschland.
Bei den 25 REFORGER- Manövern zwischen 1969 und 1993 waren es jeweils zwischen 16.000 und 22.000 Soldaten, die mit Transportflugzeugen wie C-130 „Hercules“ oder C-5 „Galaxy“ in Stunden von den USA zu Flugplätzen wie Rhein-Main-Air-Base oder Ramstein bei Kaiserslautern geflogen wurden. 1979, bei einem Wintermanöver, waren 134 Flüge erforderlich. Per Schiff wurden 1.555 Radfahrzeuge, 580 Panzer und 500 Container mit Ausrüstung herangeschafft und in Antwerpen und Amsterdam ausgeladen. Das Hauptkontingent an Material, Fahrzeugen, Waffen und Ausstattung war langfristig in Depots auf dem Gebiet der BRD eingelagert. Deshalb mussten die ankommenden Soldaten nach der Einweisung und dem Einsatzbefehl sofort vom Flughafen zum Depot gebracht werden, dort die Ausrüstung überprüfen, die Vorräte in Empfang nehmen, die Fahrzeuge in Bewegung setzen und in die Bereitstellungsräume des Manövergebietes fahren, alles genau nach Plan!

Bild 2: Eine Kolonne M113 Panzerfahrzeuge auf der BAB vor dem Frankfurter Kreuz, REFORGER 1985. Quelle: Wikipedia Commons „Reforger“.

 
 

Ziel der Manöver für die beteiligten Armee-Einheiten war die Überprüfung der geplanten Abläufe, die Einsatzbereitschaft der Soldaten, sowohl der herangeführten wie der hier stationierten, aber auch das Zusammenwirken mit den NATO-Bündnispartnern, insbesondere der Bundeswehr. Für die Gegner im Osten, die Staaten des Warschauer Paktes, sollte es eine Demonstration von Macht, Stärke und Geschlossenheit im Handeln sein.
Nach zwei Wochen war die Übung zu Ende. Es folgte das Aufräumen, Säubern, Reparieren und Einlagern des Materials. Die Soldaten aus den USA begannen nach einigen Tagen Erholung und Sightseeing den Rückflug. Für den Verkehrsführungsstab im Camp King waren die alljährlichen REFORGER-Manöver eine besondere Herausforderung. Der reibungslose Ablauf in den unterschiedlichen Abschnitten war entscheidend für das Gelingen der Übung und die überzeugende Umsetzung der Strategie von „Flexible Response“.
Aus lokaler Sicht ist bemerkenswert, dass bei dem Manöver 1980 angenommen wurde, dieVerkehrskommandozentrale im Camp King sei durch einen gegnerischen Angriff zerstört worden. Umgehend wurden 73 Reservisten aus Indiana eingeflogen. Sie sollten die Funktionstüchtigkeit wieder herstellen. Wie die Manöverleitung bei der Auswertung registrierte, ist dies auch gelungen!



Alles muss laufen wie geschmiert!
Als „US-Transcomeur“ wurde 1968 das Verkehrsmanagement der USA und der NATO in das Camp King nach Oberursel verlegt. Im Mai 1975 wurde die Einheit in „4th Transportation Brigade“ umbenannt. Ab Februar 1981 trug der Stab die Bezeichnung „4th Transportation Command“. Der Eindruck entsteht, hier habe an kritischer Stelle Unsicherheit über Struktur und Organisation geherrscht. Der Grundsatz blieb aber in all den 25 Jahren gleich: Die Führung und die Kontrolle sind zentral, die aufgabenorientierte Ausführung dezentral angeordnet.
Veränderungen waren jedoch erforderlich, weil Waffentechnik und Munition weiterentwickelt und weil Ladetechnik und Fahrzeugeigenschaften verbessert wurden, weil Korrekturen im Ablaufprogramm nach der Auswertung der Manöver vorzunehmen waren und besonders aufgrund der rasant fortschreitenden Digitalisierung bei der Ortung und Bewegungskontrolle der Transportmittel.
Die Zahl der Mitarbeitenden auf  dem Camp-King-Gelände lag zwischen 300 und 550 Personen, wobei der Anteil der langfristig beschäftigten Fachleute zu- und der der dienstleistenden Soldaten abnahm. Im gesamten Transportbereich waren dem Kommando bis zu 5.000 Soldaten zugeordnet. Das Jahresbudget lag bei rund 40 Millionen $ (1982). Die Zahl der beförderten Personen betrug zwischen 650.000 und 940.000 pro Jahr, der Güter bis zu 900.000 Tonnen.

Bild 3: Bei der Parade zu Ehren Col. King sind am 13. August 1986 vor dem Gedenkstein Vertreter aller nachgeordneten Einheiten angetreten. Quelle: Slg. Franz Gajdosch.

 
 

Die dem 4th Transcom nachgeordneten Einheiten waren von unterschiedlicher Größe und mit sehr verschiedenen Aufgaben betraut. Bei der Parade zur „Memorial Ceremony“ zu Ehren des Namensgebers, Colonel Charles B. King († 1944), im August 1986 waren auf dem Gelände unterhalb der Mountain-Lodge  angetreten die Abordnungen der 37th Transportation Group, 27th, 28th, 39th, 53th, 106 th Transport Battalion, 6966th Civil Support Center. Die Standorte der Einheiten lagen im mittleren Bereich der Bundesrepublik, z.B. in Rüsselsheim, Mannheim, Kaiserslautern, Pirmasens, Rhein-Main, Idar-Oberstein  und Fürth. Transportmittel waren für alle diese Truppen Kraftfahrzeuge, darunter auch Tieflader für Schwertransporte, Tanklaster, Tiefkühltransporter, Spezialfahrzeuge für den Transport von Munition und dann die Sattelschlepper (1969: 1.200 Zugmaschinen und 2.700 Auflieger). In das System waren eingegliedert die 9 TTPs, die „Trailer Transfer Points“, in denen Güter zwischengelagert, verteilt und umgeleitet werden konnten.
Über seinen Einsatz (1982) schreibt rückblickend ein Soldat: „Die Transportation Group ist das größte Transportunternehmen der freien Welt. Ihr Auftrag ist es, den regelmäßigen Fernverkehr für Militärgüter sicherzustellen, vom 20g Brief bis zum 60 t. M1-Panzer. Um diesen Auftrag zu erfüllen, fahren die Transporter einzeln oder in Kolonnen durch Deutschland, Holland, Belgien, Luxemburg und gelegentlich auch Dänemark und Großbritannien.“
Neben den umfassenden „eigentlichen“ Transportaufgaben auf Fernstraßen und Autobahnen, die in der Öffentlichkeit oft mit Verärgerung wahrgenommen wurden, auch mit der Bundesbahn und der Binnenschifffahrt, gab es einige kleine Einheiten und Einsatzfelder, die vom Führungsstab hohe Flexibilität und genaue Abstimmung erforderten.
Da war die 570th Military Police Platoon (Railway Guard) mit 60 Mann, stationiert im Camp King, Bahnpolizei zur Überwachung und Sicherung von Bahntransporten, aber auch mitverantwortlich für den Wachdienst am Gate.
Da war das 97th Quartermaster Battalion, zuständig für die Treibstoffvorräte und die Verteilung auf die Tankstellen. Für die Beförderung von eiliger Fracht und sensiblem Material, von „very important persons“ (VIP) und vertraulichen Dokumenten und Befehlen wurden die 18 Helikopter der 205th Aviation Company benötigt. Stationiert waren sie auf dem Flugfeld in Mainz-Finthen. Einer trug sogar das Wappen und den Namen der Stadt Oberursel.

Bild 4: Bürgermeister Karlheinz Pfaff „tauft“ beim Volksfest 1974 einen Transporthubschrauber „Chinook“ auf den Namen der Stadt Oberursel.
Foto: K.H. Arbogast

 
 


Das 3rd ATMCT (= Air Terminal Movement Control Team) trat nur im Rahmen der REFORGER-Übungen in Aktion. Dann bezogen entsprechend geschulte Soldaten auf den Flughäfen Rhein-Main, Ramstein, manchmal auch Brüssel, Position. Sie empfingen die Ankommenden, überprüften deren persönliche Begleitdokumente auf Vollständigkeit, korrekte Schreibweise (z.B. der deutschen Ortsnamen) und gaben die Ziele und Wegbeschreibungen an. Busse standen in ausreichender Zahl bereit.
Ebenfalls im Zusammenhang mit den Übungen für einen denkbaren Ernstfall stand der NEO-Plan ( = Noncombatant Evacuation Operation, d.i. Zivilisten in Sicherheit bringen). Schon bei ihrer Einreise wurden alle US-Bürger, die nicht Soldat waren, besonders die Familienangehörigen, auf diesen Plan hingewiesen. In jedem Haushalt sollte ein Gepäckstück griffbereit sein, in dem Decke, Pass, wichtige persönliche Dokumente und eine eiserne Ration verwahrt wurden. 1979 überprüften vom Stab in Oberursel beauftragte Soldaten alle US-Haushalte im Gebiet zwischen Fulda und Frankfurt, ob die Anordnung befolgt wurde. Sie unterrichteten auch über regelgerechtes Verhalten im Ernstfall.
Am Schluss dieses Überblicks muss die zentrale Steuerungseinheit für die Transportkapazitäten und die Bewegungsabläufe genannt werden: Die 1st Transportation Movement Control Agency (TMCA) im Camp King, Oberursel. Aus der DPU, der Data Processing Unit, der Datenverarbeitung mit „pump cards“, Lochkarten, war im Zuge der Digitalisierung ein hochmodernes Logistik-System geworden: Kommunikation, Dokumentation und Prozesssteuerung. Der Auftrag für das Verkehrsmanagement, das integrierte Transportsystem für die US-Streitkräfte in Europa  zu führen und zu verwalten, konnte von Jahr zu Jahr präziser ausgeführt werden. Dazu gehörte auch die zuverlässige Kooperation mit der US-Luftwaffe, der US-Navy, mit den verwandten Armee-Einheiten der Bündnispartner, mit staatlichen und zivilen Leistungsanbietern (Deutsche Bahn, Speditionen).
An Innovationen im Bereich von Soft- wie Hardware war das Militär sehr interessiert. Von dort kamen Zielvorgaben. Dort waren zahlungskräftige Auftraggeber. Das Anwendungsgebiet hatte hohe Priorität. Das Verkehrsmanagement im Camp King Oberursel gehörte dazu.
Im Dezember 1989 wurde im Zuge der politischen Umorientierung die 4th Transcom nach Kaiserslautern verlegt und einer anderen Einheit angegliedert. Bei dieser Gelegenheit sagte der neue Commander, Generalleutnant William S. Flynn: „If you’re wearing it, driving it, reading it or eating it, you get it from the Fourth“ d.h. “Was immer du am Leib trägst, womit du fährst, was immer du liest oder auch ißt, du hast es von der Vierten. Es gibt keine Einheit, die mehr Einfluß auf die amerikanischen Soldaten in Europa hatte, als die Vierte!“ (d.i. 4th Transcom).

Bild 5:
Mit erheblichem Kostenaufwand wurde die Mountain-Lodge 1988/89 umgebaut, um für Büros und Computer-Arbeitsräume genutzt zu werden.

 
 

Bald zeichnete sich ab, dass für das Camp King auf Dauer keine Verwendung mehr zu finden war. Die Zeit der Konferenzen, Beratungen und Festlichkeiten in der Mountain-Lodge war vorbei. Der „Officers Club“  mit seinem Angebot war schon vorher umgezogen. Das Erdgeschoss wurde umgebaut zur Nutzung für eine Abteilung der 22nd Signal Brigade. Drei weitere Abteilungen wurden in den Häusern 1041 (Verwaltungsgebäude), 995 (Hessenland) und 990 (Maintal) untergebracht. Haus Rheingau (1028) gegenüber der Mountain-Lodge war zeitweise Gästehaus des Ambassador Arms Hotel in Frankfurt.
Die 22nd Signal Brigade hatte als Zentrale für das Fernmeldewesen der US-Army nicht nur für den laufenden Nachrichtenverkehr, die Telekommunikation im militärischen Datennetzwerk zu sorgen. Auch die Ausbildung von Fachkräften gehörte zu den Aufgaben, die Beratung bei der Anschaffung neuer Anlagen an anderen Standorten und das, was in der Fachsprache „support“ heißt, die Fehlersuche und Fehlerbehebung im System. In den nachgeordneten Standorten waren insgesamt mehr als 1.000 Mann im Einsatz.
Ein Grund für die Neuordnung und die Umorganisation nach 1990, die nicht nur für das Camp King in Oberursel, sondern für viele andere US-Standorte in Westeuropa galt, war die Verlagerung des Einsatzgebietes für Truppen in den Nahen Osten und auf den Balkan. Am 16. Juni 1991 begann mit der Operation Wüstensturm der Luftangriff auf Ziele im Irak. Dessen Truppen sollten wieder aus Kuwait vertrieben werden. Die Resolution 678 des UN-Sicherheitsrates gab ein Signal, und der Zweite Golfkrieg begann. Im gleichen Monat versuchten Einheiten der Jugoslawischen Armee die Loslösung Sloweniens aus dem Verbund „Jugoslawien“ zu verhindern. Die Balkankriege begannen.
Im Camp King, am Gate an der Hohemarkstraße, entfiel der Wachdienst ab März 1990. Die Unterhaltung der Gebäude und die Pflege des Geländes wurden aus Kostengründen eingeschränkt, und nach drei Jahren kam dann der endgültige Abschied der US-Army von Oberursel. Die 22nd Signal Brigade zog nach Darmstadt und Kaiserslautern, wie schon zuvor die 4th Transcom. Ein „Farewell Salute“ leitete den offiziellen Teil ein. Am 21. Juli 1993, morgens um 8:30 Uhr wurde die US-Fahne vom Mast genommen und eingerollt. Von nun an suchte die Bundesvermögensverwaltung für 16 Hektar bebauten Geländes einen neuen Eigentümer.

Bild 6:
Bei dem Freundschaftsfest 1988 sind Fahrzeuge zu besichtigen und zu bestaunen: Hier eine Zugmaschine mit einem anhängenden Tieflader und einem Panzer.

 
 


Feste und Proteste

Als der Geheimdienst der US-Army das Camp 1968 verließ und das Transportation Command einzog, veränderte sich auch das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und der Stadtverwaltung Oberursels auf der einen und den Offizieren, den Soldaten und ihren Familien auf der anderen Seite. Der Stacheldrahtzaun wurde - im Bilde gesprochen - etwas niedriger und das Tor etwas weiter. Die regionale Presse konnte häufiger über die Aufgaben und den Betrieb berichten. Der regelmäßige Kommandantenwechsel vollzog sich in Anwesenheit der Vertreter von Stadt und Kreis. In Arbeitsgesprächen wurden gemeinsame Fragen der Zusammenarbeit erörtert. Überwiegend waren die Kontakte aber auf gesellschaftliche Ereignisse hin orientiert.Da wurden Einladungen zu den Festen wie Thanksgiving oder Neujahr ausgesprochen. Beim Fastnachtszug fuhren Fahrzeuge aus dem Camp mit, und beim Sturm der Garden auf das Rathaus am Fastnachtssamstag gehörten auch US-Soldaten zu den „Eroberern“. Beim Brunnenfest waren Bands, Orchester und Chöre zu hören. Einmal im Jahr war das Gelände von Camp King offen für ein Volksfest oder für „Freundschaftstage“. Angebote zur Besichtigung von Fahrzeugen oder technischen Einrichtungen, für Kinderspiel und Sportwettkämpfe lockten die Besucher, rund 8.000 waren es 1979. Von den großen Eisportionen, den Hamburgern und den gegrillten saftigen Steaks schwärmen manche Oberurseler noch heute. In Erinnerung blieb auch die Vorführung der Fallschirmspringer mit gelungener punktgenauer Landung 1987. Bei dem Volksfest 1974 „taufte“ Bürgermeister Karlheinz Pfaff einen großen Hubschrauber auf den Namen der Stadt. Es war das erste Mal, dass eine deutsche Stadt Namensgeberin für einen US-Transporter wurde.
Nach Terroranschlägen auf US-Einrichtungen in Heidelberg und Ramstein wurden zeitweise die Sicherheitsvorkehrungen im Camp erhöht. Mit dem Argument, man wolle dem Stadtgebiet näher kommen, wurde dann das Fest auf die KHD-Wiese (heute: Rolls Royce) verlegt, aber der Besuch war deutlich rückläufig, vor allem von Seiten der amerikanischen Soldaten. Es fehlte die original-amerikanische Atmosphäre.
Ein Höhepunkt der öffentlich bedeutsamen Veranstaltungen in den Jahren des „4th  Transportation Comand“ war die Feier zum 40. Jahrestag der Namensgebung. Am 19. September 1946 hatte General McNarney angeordnet, dass das Camp in Oberursel zu Ehren des Oberst Charles B. King dessen Namen tragen solle. King war 38 Jahre alt, in der Militärakademie von West-Point ausgebildet und ein begabter Aufklärungsoffizier, als er am 22. Juni 1944, zwei Wochen nach der Landung in der Normandie, bei einem Gefecht erschossen wurde. Colonel Robert H. Pratt, 1985 - 1988 Kommandant im Camp King, wollte dem Lager zu einem historischen Hintergrund verhelfen. Er entwarf Form, Ausführung und Text für einen Gedenkstein an Charles King, der heute noch an zentraler Stelle im Gelände des früheren Camps steht.

Bild 7:
Im Verlauf der Gedenkfeier besucht auch Generalleutnant Collin Powell Camp King und trägt sich am 18.8.1986 in das Gästebuch ein. Ein Jahr später wurde er Nationaler Sicherheitsberater bei Präsident R. Reagan. Von 2001 - 2004 war er US-Außenminister und bezeichnete später seine Begründung zum Irak-Krieg vor dem Weltsicherheitsrat als „Schandfleck“ seiner Karriere.
Quelle: Slg. Franz Gajdosch.

 
 


Am 13. August 1986 wurde der Stein bei einer Gedenkfeier enthüllt. Nach der Einführung durch Colonel Robert B. Pratt sprach Bürgermeister Rudolf Harders. Er  begrüßte im Namen der Stadt Oberursel und aller Einwohner des Hochtaunuskreises die Angehörigen von Oberst King und „die lieben amerikanischen Freunde“. Der stellvertretende Kommandeur der US-Armee in Europa, Generalleutnant Thomas D. Ayers, hielt die Laudatio. Die Witwe Kings und seine Familienangehörigen nahmen teil. Die Liste der Ehrengäste war lang. Der Project Officer, Captain Roger Moore, hatte genug Dokumente und Material gesammelt, um eine Ausstellung zur Geschichte des Lagergeländes und seiner Nutzung seit 1933 zu gestalten. Diese Ausstellung, sechs großflächige Tafeln mit Fotos und Texten, war dann das Werk von Franz Gajdosch. Gajdosch war seit Sommer 1946 im Lager für kurze Zeit Gefangener, dann über viele Jahre Barkeeper im Offiziersclub in der Mountain-Lodge. Er hatte mit Leidenschaft Menschen befragt, die von der Vergangenheit im Siedlungshof und im Durchgangslager der Luftwaffe erzählen konnten, und er hatte aufgeschrieben, was er erfuhr, auch von der Arbeit der verschiedenen US-Einheiten, die im Camp stationiert waren. Bis 1990 diente seine Ausstellung als Anschauungsmaterial für Gäste und interessierte Besucher. Am 27. März 1990 übergab dann Kommandant Colonel Dale E. Finke die Ausstellung an das Vortaunusmuseum in Oberursel. Die private Sammlung von Franz Gajdosch ist im Archiv des „Erinnerungsortes der Zeitgeschichte“ zugänglich.

Bild 8: Zunächst in der Mountain-Lodge, später im Haus „Bergstraße“ (981) wurde die Geschichte des Geländes seit 1933 dargestellt und von Franz Gajdosch (links im dunklen Anzug) den Besuchern und Gästen erläutert.

 
 

Bei den offiziellen Anlässen wurden in der Regel die Partnerschaft, die Freundschaft, der Wille zu gegenseitigem Verstehen in den Ansprachen beschworen. Das gehörte einfach dazu. Doch die Zeit der Bewunderung für die „Amis“, für ihre Filme, ihre Musik, ihren „way of life“ war lange vorbei. Die Menschen in der Stadt hatten ihre alltäglichen Sorgen und Freuden. Die Soldaten waren nicht zum Vergnügen in dieser Stadt. Sie hatten ihren Wehrdienst zu leisten und den täglichen Anordnungen zu folgen. Die Vorstellungen von dem, was im deutsch-amerikanischen Miteinander gelebt werden könne, gingen sowohl bei den Verantwortlichen in der Stadt wie den zuständigen Offizieren weiter, als in der täglichen Arbeit schließlich umgesetzt werden konnte.
Am Beginn der 80er Jahre nahm deutschlandweit die kritische Haltung gegenüber „den Amerikanern“ zu, und das waren in Oberursel die „Amis“ im Camp King. Zunächst waren da Beschwerden aus der Nachbarschaft. 1945 lag das Camp noch außerhalb des Stadtgebietes zwischen Äckern und Wiesen. 1980 war es umgeben von der Siedlung „Im Rosengärtchen“, vom Wohngebiet „Eichwäldchen“ und von der dichten Bebauung an Eschbachweg und Dornbachstraße.
Da waren Beschwerden wegen Lärmbelästigung: Überfliegende Hubschrauber, brummende Generatoren für die Notfallversorgung der Dienststelle, laute Musik aus Verstärkern und immer wieder das Fanfarensignal zum Wecken und zum Zapfenstreich. Einige Familien im Rosengärtchen erhoben lauten Protest: „Wir sitzen bei jedem Trompetensignal morgens aufrecht im Bett! Unseren Kindern geht es nicht besser. - Jeder hat seinen Schlaf nach einem anstrengenden Arbeitstag verdient! - Das werden wir nicht mehr tolerieren!“ Die Anwohner im Rosengärtchen waren zum Protest aufgerufen und zu einer Unterschriftensammlung. Dem Vorwurf, sowohl Stadtverwaltung als auch der Lagerkommandant blieben untätig, folgte die Ankündigung, nun seien das US-Hauptquartier in Heidelberg und das Umweltministerium in Wiesbaden die nächsten Beschwerdeinstanzen.
Die Auseinandersetzung um den ungarischen Hirtenhund aus dem Ahornweg, der mit seinem nächtlichen Bellen den Schlaf des Kommandanten störte, schaffte es sogar auf die Titelseite der Bildzeitung (3. Febr.1983). Verfügungen des städtischen Ordnungsamtes und der Widerspruch des Hundebesitzers beschäftigten die Gerichte.

Bild 9:
Der bellende Hirtenhund kommt am 3. 2. 1983 auf die Titelseite der BILD –Zeitung.
Quelle: ASV

 
 


Eine andere Dimension hatten die Demonstrationen im Zuge der Ostermarschbewegung und der Friedensinitiativen. Im April 1983 zog eine Gruppe aus Fulda, Marburg und Gießen zur Abschlusskundgebung des Ostermarsches auf dem Paulsplatz in Frankfurt auch über Oberursel und das Camp King. Örtliche und regionale Friedensinitiativen schlossen sich am Tor zum Lager dem Protest an. Klar war die Ansage, dass sich die Demonstration nicht gegen die amerikanische Bevölkerung richtet. „Wir demonstrieren  gegen diese Einrichtung, weil sie unser Leben nicht sicherer macht, sondern eine permanente Bedrohung darstellt.“ Dann bildeten die etwa 2.500 Teilnehmenden eine Menschenkette um den Zaun. Lieder von Bob Dylan begleiteten die Aktion, auch „Blowing in the Wind“ und besonders „We shall overcome“. Im folgenden Jahr „verminten“  Demonstranten die Einfahrt zum Lager mit Schnur und Blechbüchsen. Auf Transparenten war zu lesen: „Gegen den Aufrüstungswahnsinn in Ost und West“, „Frieden - Es gibt keine andere Wahl!“, „Abrüstung mit Sicherheit - JA!“ Später gab es auch Demonstrationsgänge der Oberurseler Friedensinitiative (bis 1987), beginnend am Kriegerdenkmal in der Adenauer Allee, durch die Vorstadt und die Hohemarkstraße zum Camp King.

Bild 10:
Oberurseler Bürger am 21.4.1986 auf einem Friedensmarsch vom Kriegerdenkmal in der Allee durch die Vorstadt zum Eingang von Camp King.
Das Gate mit dem Wachhäuschen und der Schranke an der Hohemarkstraße ist verschwunden. An seiner Stelle ist heute die Einfahrt zum Parkplatz des EDEKA-Lebensmittelmarktes.

 
 



Ein neues Wohngebiet und viele Erinnerungen
Die meisten Gebäude auf dem Gelände des Camps wurden nach der Eigentumsübertragung auf die Stadtentwicklungsgesellschaft (SEWO) abgeräumt. Nur die Häuser der Gausiedlerschule und das Gemeinschaftshaus, die unter Denkmalschutz stehen, sind noch ein sichtbares Zeugnis. Auch der Gedenkstein an den Namensgeber Charles B. King gehört zum Denkmal.
Der  10 x 22 m große „Holzschnitt“ neben dem Kinderhaus zeigt charakteristische Bilder und Szenen aus der Geschichte von Camp King. Zuerst in den Parkettboden der Basketballhalle der US-Army gestemmt, hat der Künstler den Abdruck hier in Feinbeton reproduziert. Das Werk von Thomas Kilpper will Neugier wecken, die Zeichen und Bilder aus der Geschichte des Geländes zu entschlüsseln. „Don’t look back!“ heißt das Thema, aber gerade das Gegenteil ist beabsichtigt. „Blicke zurück! Erinnere dich! - aber dann: Blicke nach vorn!“
Im ältesten Gebäude des ganzen Gebietes, dem früheren „Haus am Wald“, dem heutigen Kinderhaus der Stadt Oberursel, ist im Untergeschoss das „Archiv der Zeitgeschichte“ untergebracht. Für eine Spurensuche ist dies der wichtigste Zugang. Bücher, Bilder, Pläne, Dokumente stehen Interessenten zur Verfügung. Sie sind durch Findbücher erschlossen, die auch im Internet eingesehen werden können.
Zwischen dem Kriegsbeginn 1939 und dem Abzug des Transportkommandos 1990  waren nach meiner Schätzung rund 65.000 Menschen für Tage, für Wochen, für einige Jahre im Lager. Sie waren gefangen oder interniert, waren Informanten oder „Quellen“, waren Vernehmer oder Auswerter. Sie waren Dienstleistende in der deutschen Luftwaffe oder in der US-Army, waren Experten oder Zivilangestellte. Oberursel war für sie alle eine Station auf Zeit in ihrem Lebenslauf.
Manche sind in den vergangenen Jahren noch einmal zurückgekommen und haben Erinnerungen aufgefrischt. Einige haben aufgeschrieben, was sie erlebt haben. Die Zeit der Generation, die noch aus eigener Anschauung berichten konnte, geht jetzt zu Ende. Es sind die Söhne und Töchter, auch die Enkel, die fragen, warum der Vater oder der Großvater in Oberursel war und was er dort eigentlich gemacht hat.
Aus der erlebten Geschichte wird nun endgültig Geschichtsschreibung. Im Vergleich zu früheren Jahrhunderten ist dieser Abschnitt der Zeitgeschichte aber reich dokumentiert: Bilder und Berichte, Bücher und Dokumente, Filme und Nachlässe in Archiven. Das Internet macht immer mehr Material zugänglich. Das alles dient der Vergegenwärtigung. Mit diesem fünften Beitrag zum „Erinnerungsort der Zeitgeschichte - Das Gelände Camp King“ im Jahrbuch des Hochtaunuskreises schließe ich die Aufarbeitung vorhandenen Materials ab. Ich kann aus der gewonnenen Erfahrung und den Gesprächen mit vielen Zeitzeugen und jungen Menschen sagen, dass Sören Kierkegaard Recht hat:
„Man kann das Leben nur rückwärts verstehen …“
und das Wort geht weiter: „… aber leben muss man es vorwärts.“

 
 
 


 
 
 

Benutzte Quellen und Literatur in Auswahl:

 
 

„Flexible Response“ in Wikipedia und daraus Link zu „NATO Strategy Documents 1949-1969“, S. 358 ff.

Böhm, Walter: REFORGER -  Die Fahrzeuge der US-Army während der Manöver 1986-1993, Erlangen, 2008.

Elkins, Walter (Webmaster): www.usarmygermany.com , unverzichtbar mit einer reichen Sammlung von Dokumenten, Bildern und Beiträgen ehemaliger Armeeangehöriger und Zeitungen.

Gajdosch, Franz: „US-Army Camp King” - unveröffentlichtes Manuskript, 2005,  und eine breit angelegte Sammlung von Zeitungsausschnitten und Fotos.

Alle Informationen und Materialien zu diesem Aufsatz sind in Findbüchern erschlossen und einzusehen im „Erinnerungsort der Zeitgeschichte - Das Gelände Camp King, 1933 - 1993“, Kinderhaus der Stadt Oberursel, Jean-Sauer-Weg 2. Meine  Aufsätze zum Camp King, veröffentlicht in den Jahrbüchern des Hochtaunuskreises 2008, 2009, 2010 und 2011 sind nachzulesen unter www.campking.org.

Ebenfalls im Jahrbuch Hochtaunuskreis 2005 erschien der Beitrag „‘Don’t look back‘? Neubaugebiet Camp King: Ein geschichtsreiches Areal wird zum modernen Wohnumfeld“ von Christiane Figna-Giapoulis


Bild 11:
Das Archiv zum „Erinnerungsort der Zeitgeschichte“ im Untergeschoss des Kinderhauses, 1921 das „Haus am Wald“, mit dem diese Geschichte begann

 
 
 
 

Auch als .pdf- Sondedruck

 
 
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